Kolumne

Die illustrierte Kurzkolumne in Klolektürenlänge über internationale, multikulturelle und relevante Themen bzw. ein kurzer und kostenloser Ausflug in den Kopf der Autorin.

Illustriert von Luisa Röhrig

Geschrieben von Giorgia Grimaldi

Episode #2 – Ausländer*innen zweiter Klasse 🤷‍♀️

21.04.2021 Lesezeit: 3 Minuten

Input

Definition laut dem Statistischem Bundesamt für Bildungsinländer*in:  „Als Bildungs­inländer/-innen werden aus­ländische Studierende  und Schüler*innen bezeichnet, die ihre Hochschul­zugangs­berechtigung oder Hochschulabschluss in Deutsch­land, aber nicht an einem Studien­kolleg, erworben haben.“

Im Jahr 2019 lebten 21,2 Millionen Menschen mit “Migrationshintergrund” und somit 26,0 % der Bevölkerung in Deutschland. Außerdem haben 11,2 Millionen Ausländer*innen in Deutschland gelebt.


Hi, ich bins! Giorgia, Sternzeichen: Krebs, Aszendent: Löwe, 1. 70 Meter groß, 65 KG schwer, heterosexuell, cisgender, weiblich, italo-deutsch, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und ehemalige Bildungsinländerin, enchantée. 

Heute bin ich Deutsche (nicht nur, aber auch). Ob du vielleicht auch ein*e Bildungsinländer*in bist, wissen wir gleich. Lebst du in Deutschland? Hast du einen deutschen Schulabschluss aber keine deutsche Staatsbürgerschaft? Dann herzlich Willkommen an Bord, du bist Bildungsinländer*in. Aber nur, wenn du ein Abitur oder Studium in der Tasche hast! Entschuldige, wenn ich deinen Höhenflug gleich wieder beenden muss, aber mit deutschem Real- oder Hauptschulabschluss habe ich leider kein Erste-Klasse-Ticket für dich. Du bist und bleibst einfach ein*e Ausländer*in und bekommst keinen cooleren Namen. Ja, auch wenn du schon seit  30 Jahren in Deutschland lebst. Kein Grund gleich abzuheben. 

Die Studierenden aus Amsterdam oder Hongkong, die für einen Bachelor oder Master für ein paar Jahre nach Deutschland kommen, sind “deutscher” als du. Zumindest auf dem Papier. Du, die Ausländer*in, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt oder hier groß geworden ist, aber keinen Zugang zum höchsten deutschen Bildungsgrad hatte oder lieber etwas anderes gemacht hat.

*Plopp* Rechts und links von mir steigt Rauch auf – auf meinen Schultern spüre ich Gewicht. Ah, ich weiß was los ist, habe mich schon gefragt, wo die beiden abgeblieben sind.  Ein schielender Blick nach unten verrät mir, dass sich die Protagonist*innen meiner Variante von ‚Engelchen und Teufelchen‘ zum erweiterten Selbstgespräch eingefunden haben: Rechts die Mini-Version einer erfolgreichen, integrierten und gefeierten Feministin of Color. Links ein kleiner, alter, weißer cis-Mann, der auch sofort ungefragt zu plappern beginnt: “Ist doch nur ein Wort, sei nicht gleich hysterisch!” War ja klar. Ich gucke nach rechts, die Inkarnation meiner Ideal-Feministin lächelt nur gütig und nickt mir aufmunternd zu. Ich schnipse den kleinen Wichtigtuer mit geübter Bewegung auf den Boden, hole Luft und erkläre Helmut: 

Eine deutsche Schulausbildung haben die meisten Kinder der ersten Gastarbeiter*innen und wahrscheinliche alle der daraus abstammenden zweiten Generation hinter sich. Resultat: Abschluss ja, Abitur nicht unbedingt. Überhaupt ist es sogar so, dass laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes von 2012 der häufigste Schulabschluss mit 35,6% in Deutschland der Hauptschulabschluss ist, und die allgemeine Hochschulreife mit 27,3% der seltenste. Das bedeutet, dass ganz allgemein – ohne Rücksicht auf den ethnischen, kulturellen und nationalen Hintergrund – die wenigsten ein Abitur machen. 

Seit wann ist es also salonfähig, den Bildungsstand einer Person mit der Landeszugehörigkeit zu vermischen? Deutschen mit einem geringeren Abschluss als dem Abitur wird ihr deutsch-Sein deswegen nicht abgesprochen. Warum wird man dann als Ausländer*in ‚deutscher‘, wenn man die Bildungsleiter weiter hoch steigt? Und was ist mit den Menschen, die vor über 30 Jahren nach Deutschland kamen und nicht mehr gingen? Dein “Lieblingsitaliener” um die Ecke, bei dem du einen “eXpresso” bestellst, die türkische Schneiderin, zu der du deine gerissene Hose bringst, weil die Wohlstandswampe ihren Raum braucht, die Putzkraft, der du schon seit Jahren nen Fuffi bezahlst, damit sie einmal die Woche kommt und dessen Nationalität du nicht genau kennst, aber “irgendwo aus dem Osten” denkst. Sie haben lange in Deutschland gelebt, gearbeitet, Steuern gezahlt, Kinder in die Welt gesetzt, die Wirtschaft angekurbelt, aber halt kein Abi. Sie gehören damit nicht zu der Art von Ausländer*innen, für die man in Deutschland einen fancy Namen eingeführt hat, sondern nur eine Ergänzung: „Ausländer*in mit Lebensmittelpunkt in Deutschland.“ Sind sie weniger deutsch als die Ausländer*innen mit Abi oder deutschem Studium? Es ist vielleicht nur ein Wort, das den Alltag gar nicht oder kaum beeinflusst. Es macht nur dann einen Unterschied, wenn es um Stipendien oder Jobs in staatlichen Behörden geht. Aber es bedeutet ja dennoch, dass sich irgendwelche Menschen, die in keinster Weise davon betroffen sind, diese Kategorisierung ausgedacht haben und die Menschen, die damit gemeint oder eben nicht gemeint sind, in zwei verschiedene Schubladen stecken: Ausländer*innen erster und zweiter Klasse.

Episode #1 – Nicht die Mama 🦖

19.02.2021 Lesezeit: 4 Minuten

Input

Am 21. Februar begeht die UNESCO zum 21. Mal den internationalen Tag der Muttersprache, um nach eigener Auskunft die sprachliche Vielfalt weltweit und mehrsprachigen Unterricht zu fördern.

Der Verband binationaler Familien und Partnerschaften schreibt als Definition für Muttersprache folgendes: Mit dem Begriff Muttersprache wird in der Regel die erste erlernte Sprache bezeichnet. Der Begriff Muttersprache – manchmal auch als Vatersprache bezeichnet – stellt keine wissenschaftliche Definition dar. Muttersprache muss nicht unbedingt mit der Herkunft korrelieren, sondern kann eine Sprache sein, mit der man sich identifiziert oder die man am häufigsten verwendet. Sie kann sich mit den Lebensumständen verändern, so dass die zuerst gelernte Sprache als Muttersprache nicht mehr gebraucht und verdrängt wird. Kinder, die in mehrsprachigen Familien aufwachsen, entwickeln oft zwei oder auch drei Sprachen, die sie als Muttersprachen nutzen.

Der Duden sagt dazu: Sprache, die ein Mensch als Kind (von den Eltern) erlernt [und primär im Sprachgebrauch] hat.


Fragt mich jemand nach meiner Muttersprache, höre ich in meinem Kopf immer die Stimme des Babys von „Die Dinos“ (einer Super RTL Kinder-Serie aus den 90ern), das „Nicht die Mama, nicht die Mama, nicht die Mama!“ schreiend und mit der Pfanne auf den Kopf von Papa-Dino eindreschend, seinen Unmut darüber ausdrückt, dass der Papa nicht die Mama ist. So ähnlich geht’s mir auch, nur dass es bei mir heißen würde „Nicht die Muttersprache, nicht die Muttersprache!“ usw.. Liebend gerne würde auch ich mit der Pfanne auf den Kopf der fragenden Person einkloppen und folgende Fragen dabei stellen:

  1. Was meinst du damit? Doing (dumpfes Geräusch, das die imaginär geschwungene Pfanne beim Aufprall auf dem Schädel meines Gegenübers macht). Willst du wissen, welche Sprache ich besser spreche? Doing. Willst du wissen, welche Sprache ich zuerst gelernt habe? Doing. Oder willst du wissen, mit welcher Sprache ich mich identifiziere? Doing!
  2. Warum sagst du Muttersprache? Doing Doing Doing!

Warum tun alle so, als wäre jeder*m sonnenklar, was mit ‚Muttersprache‘ gemeint ist? Will keine*r zugeben, dass wir es selbst nicht wissen? Die fragende Person mir gegenüber ist vollkommen überfordert, sobald ich um eine klar formulierte Fragestellung bitte. Jedes Mal.

Liest man sich die diversen Definitionen von ‚Muttersprache‘ durch, erkennt man, dass auch die maßstabgebenden Institutionen nur so tun als ob. Denn eine Definition soll per se erklären, was gemeint ist und hierfür den Gegenstand der Untersuchung klar von anderen abgrenzen. Da aber die ‚Muttersprache‘ anscheinend alles oder nichts sein kann, und nur im seltensten Fall allein die Sprache der Mutter oder die Sprache, die man von der Mutter beigebracht bekommen hat, ist, entzieht sich mir der Sinn diesen abstrakten Begriff definieren und weiterhin so nennen zu wollen.

In der Sprachwissenschaft wird davon ausgegangen, dass der Begriff ‚Muttersprache‘ vom Lateinischen lingua materna abgeleitet wurde, womit nicht die öffentlich genutzte Hoch- und Schriftsprache gemeint war, sondern die Sprache, die im familiären Kontext genutzt wurde, vergleichbar mit der heutigen ‚Umgangssprache‘. Der Ausdruck beruht auf der Vorstellung, dass diese Sprache nicht nur aber hauptsächlich im Umgang mit der Mutter erworben wurde. Der identifizierende Charakter der Muttersprache rührt vermutlich auch daher. Trotzdem ist das alles nicht schlüssig. So heißt es doch ‚Muttersprache‘ aber auch ‚Vaterland‘. Niemand käme auf die Idee ‚Vatersprache‘ und ‚Mutterland‘ zu sagen (sorry, @Verband binationaler Familien und Partnerschaften, aber mach dir nichts vor). Apropos: Wer sagt denn noch Vaterland? Was das angeht, war es anscheinend gesellschaftlich konform genug das klobige Wort gegen Heimat(land) einzutauschen. Warum also immer auf der Muttersprache rumreiten?

Wie auch immer es dazu gekommen ist, fest steht: Der Ausdruck ‚Muttersprache‘ passt ungefähr so gut ins heutige Zeitalter wie die Dinos.

An Alternativen mangelt es nicht. In der Linguistik spricht man beispielsweise von der Erst- oder Zweitsprache, abgekürzt L1, L2 …LX usw.. Dabei geht es um den chronologischen Spracherwerb. Das wäre also ein passender Terminus um die Frage Welche Sprache hast du zuerst gelernt? zu beantworten. Oft ergibt sich daraus, dass die L1 auch die Sprache ist, die man am besten beherrscht, aber das muss nicht unbedingt so sein, beispielsweise wenn man L2 zwar erst später im Lauf seines Lebens erlernt hat, diese aber sehr viel mehr Raum in Leben des Sprechenden eingenommen hat, z.B. durch Schule, soziales Umfeld etc. und L1 im familiären Kontext bleibt.

Im Englischen gibt es den neutralen Ausdruck Native Speaker oder Native Language. Was bedeutet, dass diese Sprache seit dem Kleinkindalter erlernt bzw. gesprochen wird.

Und dann gibt es auch noch den GER, den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen. Er teilt die unterschiedlichen Niveaus von A1 bis C2 ein. Dieser Referenzrahmen wird für international gültige Zertifikate zum Nachweis des schulischen oder akademischen Spracherwerbs genutzt, kommt aber auch häufig in Stellenausschreibungen vor, in denen ein gewisses Sprachniveau erforderlich ist. C2 entspricht der Native Language, also das, was die Leute intuitiv als Muttersprache bezeichnen.

Das Punkt ist: Der Begriff ‚Muttersprache‘ ist nur für die Menschen eindeutig und somit praktisch im Gebrauch, die einsprachig aufgewachsen sind und andere Sprachen während der Ausbildung erlernt haben. Für sie ist es einfach beispielsweise im Urlaub zu sagen „Ich komme aus Deutschland, meine Muttersprache ist Deutsch“. Natürlich bleibt auch diesen Menschen noch die Reflexion offen, ob dahinter wirklich die Mutter steht oder nicht, tatsächlich scheint das aber nur die wenigsten zu stören, immerhin wissen ja ‚alle‘ was ‚damit gemeint ist‘, Mama hin oder her. Für alle anderen jedoch, also mehrsprachige Personen, die wirklich eine Einteilung aus rein praktischen Gründen gebrauchen könnten, taugt ‚Muttersprache‘ nichts.

Die UNESCO meint mit Muttersprache die Sprache, mit der man sich identifiziert. Auf ihrer Website heißt es: Historisch nimmt der Tag der Muttersprache Bezug auf den 21. Februar 1952. Damals protestierte die Bevölkerung der pakistanischen Provinz Bengalen gegen die Einführung von Urdu als Amtssprache. Das in der Bevölkerung weit verbreitete Bengali sollte hingegen zurückgedrängt werden. Fast 20 Jahre später wurde Ost-Bengalen unabhängig und führte Bengali als Amtssprache ein. Der Staat heißt heute Bangladesch. Diese Geschichte steht beispielhaft für die Bedeutung sprachlicher Vielfalt.

Alle diversen Konstrukte, die mit ‚Muttersprache‘ gemeint sind oder sein könnten, unter diesem einem Begriff zusammenzufassen – nach dem Motto ‚das haben wir ja immer schon so gemacht‘ – hat für mich nichts mit der Bedeutung sprachlicher Vielfalt zu tun. Im Gegenteil, es zwängt sprachliche Diversität in Konzepte, in die sie nicht passen. Gerade eine Institution wie die UNCESCO könnte und sollte doch neue zeitgemäße Maßstäbe setzen. Der Hashtag-Motherlanguageday ließe sich doch so einfach durch #nativelanguageday ersetzen? Auch in der heiligen Deutschen Sprache, um deren Verfall so viele bangen, gibt es genug Alternativen. Neben Erst- und Zweitsprache oder Primär- und Sekundärsprache, könnte man Heimatssprache, Landessprache, Haupt- und Nebensprache, Familiensprache usw. nutzen.

Also bitte, wenn ihr das nächste Mal ‚Muttersprache‘ hört oder sagt, denkt an das innere Dino-Baby.

Doing!

Luisa Röhrig - Die Illustratorin
Luisa Röhrig – Die Illustratorin

Kosmopolites Landei based in Berlin. Spricht viele Sprachen und zeichnet gerne für ihre Freund*innen. Sie hat Romanistik, Theaterwissenschaft und Interdisziplinäre Lateinamerikastudien in München und Berlin studiert. Ihre letzte wissenschaftliche Arbeit schrieb sie zu Comics und Feminismus. Aktuell liest sie viele Bücher…

Giorgia Grimaldi - Portfolio der Autorin
Giorgia Grimaldi – Portfolio der Autorin

Giorgia Grimaldi ist Journalistin und Bloggerin, selbsternannte Großstadtprinzessin und bohemische Wassernixe. Mehr über sie erfahrt ihr auf der Startseite.

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