Die Identitätsfrage: Mehr Deutsch oder Italienisch?

Die Frage nach „Bist du halbe-halbe oder ganz?“ und warum man Menschen mit Migrationshintergrund nicht mit seiner eigenen Neugierde belästigen sollte

Deutsche ohne Migrationshintergrund machen es sich oft zu einfach, um über sehr komplexe Dinge zu sprechen und zu urteilen, die sie nicht verstehen. Hier ein kleiner Ausflug in meine persönliche Erfahrungen mit der Identitätsfrage und eine Anleitung, die dabei helfen soll, einen sensibleren Umgang miteinander zu schaffen, der nicht diskriminiert.

Die meist gehasste(n) Frage(n)

Nach „Sag mal was auf Italienisch“ ist „fühlst du dich mehr deutsch oder italienisch?“, der Satz, den ich in Zusammenhang mit meiner Herkunft am meisten hasse. Warum das so ist, habe ich selber erst vor ein paar Jahren – also im Erwachsenenalter und somit nach bestimmt 1000-facher Beantwortung dieser Frage – verstanden. Wenn ihr euch gerade dabei ertappt, diese oder ähnliche Fragen Menschen mit Migrationshintergrund schon gestellt zu haben, dann passt jetzt sehr gut auf.

Es geht euch schlicht nichts an. Die Frage nach der eigenen Herkunft ist eine sehr persönliche und meistens auch eine emotionale Frage. Wisst ihr denn, wie die Herkunftsgeschichte der Person, die ihr gerade ausfragt, abgelaufen ist? Eventuell handelt sie von Flucht, Leid, Krieg, Trennung oder Adoption. Und fängt die Person nicht selbst mit dem Thema an, solltet ihr sie nicht einfach so danach fragen. Solche Themen fallen unter die Kategorie Deep Talk und nicht Smalltalk. Neugierde und Interesse sind an sich nichts negatives, aber denkt euch immer: Ihr als Deutsche ohne Migrationshintergrund müsst euch nicht aufgrund eures Aussehens, eures Namens oder vielleicht eurer Art zur sprechen erklären und euch der Neugierde anderer Personen einfach so aussetzen.

Die Frage macht oft einfach keinen Sinn. Vor allem für diejenigen, die in Deutschland aufgewachsen sind, aber ein oder beide Elternteile aus anderen Ländern haben. An meinem Bespiel kann ich es wie folgt erklären: Ich bin in Deutschland geboren, als Kind einer italienischen Mutter, die nicht in Deutschland geboren, aber seit dem Kleinkindalter hier aufgewachsen ist, und einem italienischen Vater, der in Italien geboren wurde und erst im Alter von 16 Jahren nach Deutschland kam. Was soll jetzt die Frage „Fühlst du dich mehr deutsch oder italienisch?“ ? Das einzige was ich weiß, ist wie es anfühlt als italienisches Migrantenkind in Deutschland aufzuwachsen. Keine Ahnung wie es sich anfühlt als Deutsche in Deutschland aufzuwachsen oder als Italienerin in Italien – habe ich ja schließlich nicht erlebt. Meine Antwort lautet also: Nichts von beidem, ich fühle mich als Deutsch-Italienerin bzw. Italo-Deutsche. Das sprengt allerdings den Vorstellungsrahmen der Fragenden, die nicht außerhalb der Schubladen denken können oder wollen, in die sie Deutsche mit Migrationshintergrund stecken wollen. Daher gibt es nur zwei Optionen. Wenn ihr wirkliches Interesse an der Herkunft und der Gefühlswelt einer Person mit Migrationshintergrund habt und sie es zulässt, darüber zu sprechen, dann seit offen dafür und hört zu, um zu verstehen. Oder lasst es bleiben und respektiert die Grenzen, die euch aufgezeigt werden.

Derivierte Fragen: Eine unendliche Geschichte. Aus der Philosophie der „Als was fühlst du dich„-Frage, lassen sich noch eine Menge anderer, schwachsinniger Fragen ableiten. In erste Linie zum Bespiel: „Bist du halbe-halbe oder ganz?“ oder „Was steht denn in deinem Pass?“. Wer bis jetzt gut aufgepasst hat, erkennt den Knick in der Logik sofort. Warum wieder diese Kategorien? Wenn ich sage ich bin Deutsch-Italienerin, denken die Menschen „Ah, du bist also halbe-halbe? Einer von deinen Elternteilen ist deutsch, der andere italienisch?„. Daraufhin verneine ich, erkläre mal wieder indem ich meine ganze Familiengeschichte ausbreiten muss, um mir dann anzuhören „Achso, dann bist du einfach Italienerin.“ Sage ich aber daraufhin der Vollständigkeit wegen, „Ja, aber ich bin in Deutschland geboren„, dann kommt „Aber dann bist du ja Deutsche!“ und wieder muss ich erklären „Also genau genommen, bin ich das nicht, weil du in Deutschland nicht die Staatsangehörigkeit aufgrund deines Geburtsortes bekommst, wenn beide deiner Elternteile einem anderen Staat angehören. Gehören beide Elternteile demselben Staat an, aber du wirst in Deutschland geboren, dann bekommst du automatisch die Staatangehörigkeit deiner Eltern. Nur wenn deine Eltern ‚gemischt‘ sind, bekommst du vorläufig bis zum 18. Lebensjahr beide. Und abgesehen davon, spiegelt das, was auf einem Dokument steht, nicht unbedingt deine Zugehörigkeit zu einer Kultur korrekt wieder„. Auf diese Erklärungen habe ich schon die unterschiedlichsten, auch unverschämtesten Reaktionen erlebt. Zum Beispiel, wenn ich das Geburtsrecht in Deutschland erkläre (don’t forget: Um die Neugierde meines Gegenübers zu befriedigen, der sich damit offenbar nicht auskennt), kam schon mal „Ja, sonst würde das ja jeder so machen, einfach seine Kinder in Deutschland auf die Welt zu bringen, damit sie deutsche Staatsbürger werden„. Diesem unsäglichen und unreflektierten Gedankendank würdige ich keinerlei weitere Aufmerksamkeit indem ich hier erkläre, warum das mal wieder rassistisch ist. Oder aber, weitere, „nicht böse gemeinte“ Fragen aus der Welt des Schubladen-Denkens prasselten auf mich ein, z.B. „Also hast du gar keinen deutschen Ausweis?„, „Aber, willst du denn keinen deutschen Ausweis?“, „Zeig mal, wie der italienische Ausweis aussieht„, bis zu „Kannst du theoretisch abgeschoben werden?“.

Es gibt noch viele weitere Aspekte, die veranschaulichen würden, warum solche Gespräche sehr unnötig und diskriminierend sind, aber ich denke, anhand der genannten Bespiele wird mein Anliegen deutlich. Meine Antwort auf die Identitätsfrage habe ich während meines Studiums „gefunden“. Ich habe also unzählige dieser Gespräche über mich ergehen lassen, vor allem im Kindes- und Jugendalter, und mich jedes Mal in der Schuld gesehen, nicht die gewünschte Antwort geben zu können und somit in Erklärungsnot zu geraten. Und um es klar zu stellen, es ist niemals die Verantwortung eines Menschen mit Migrationshintergrund sich gegenüber eines Menschen ohne Migrationshintergrund erklären zu müssen oder gar sich schlecht zu fühlen, weil man nicht die „passenden“ Antworten parat hat und nicht das allgemeine Untersuchungsobjekt sein möchte.

Anleitung: Wie du’s richtig machst

Was also tun? Für einen sensibleren und nicht diskriminierenden Umgang, kann man folgendes tun:

  1. Sich selbst fragen: Warum interessiert mich die Herkunftsgeschichte dieser Person wirklich? Handelt es sich dabei um wahrhaftiges Interesse an der Geschichte, der Kultur und bin ich wirklich bereit auch zuzuhören, ohne zu urteilen? Oder interessiert mich das nur, weil diese Person exotisch wirkt und ich einfach nur meine Neugierde befriedigt haben möchte?
  2. Abwägen: Ist das der richtige Zeitpunkt eine Person auf ihre Herkunft anzusprechen? Befinden wir uns an einem Ort, an dem die Person sich zurückziehen kann, falls die das möchte? Oder an einem Ort, der Raum für ein solches Gespräch gibt? Oder aber befinden wir uns an einem Ort, wo es um Party, ausgelassene Stimmung, Entspannung und Spaß geht während ich die Person womöglich auf etwas anspreche, das mit viel Selbstreflexion eventuell sogar Kummer verbunden ist, und könnte das die Stimmung wirklich versauen? Hätte ich selbst gerade Lust, über intime und komplizierte Dinge wie Familie und Migration mit Fremden zu sprechen?
  3. Falls man zu dem Schluss kommt, dass die Rahmenbedingungen für ein solches Gespräch gegeben wären : Die Person erst fragen, ob sie darüber sprechen möchte und nicht einfach drauf los fragen. Falls ja: Ok, stell deine Fragen aber mit Respekt, ohne Schubladen-Denken und immer innerhalb der Grenzen, die dir aufgezeigt werden. Wenn nicht, dann frage nicht weiter und respektiere die Privatsphäre. Wenn dich Migrationsgeschichten immer noch wirklich interessieren, beschaffe dir Literatur oder suche nach Menschen, die dazu öffentlich zugänglichen Content anbieten.

Ein abschließendes Wort: „Das halbe-halbe-oder-ganz“-Prinzip ist ein sehr herablassendes Gedankenkonstrukt von Menschen ohne Migrationshintergrund. Menschen mit Migrationshintergrund sind wenn überhaupt „doppelt ganz“, und somit nicht weniger deutsch als alle anderen.

Veröffentlicht von Gio

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