Mein Messinstrument für getarnten Rassismus hat ausgeschlagen

Sprache ist ein hochsensibles Messinstrument für viele Dinge, die in unserer Gesellschaft schief laufen. Sie kann Geschlechterungerechtigkeit, Sexismus, Rassismus, Diskriminierung, Misogynie und viele weitere aktuelle Problematiken anzeigen. Und es ist ziemlich egal, um welche Sprache es dabei geht, es funktioniert immer.

Heute, von 12.15 Uhr bis 13.15 Uhr, besuche ich einen Yoga-Kurs, bei dem ich mich schon lange nicht mehr habe blicken lassen. Den Umständen entsprechend, natürlich über Zoom. Als ich das virtuelle Yogastudio betrete und die bereits Anwesenden begrüße, verleiht die Lehrerin ihrer (ehrlichen) Freude wie folgt Ausdruck:

„Hallo Giorgia! Wie schön, dass du da bist. Bei deinem Akzent wird mir ganz warm, ich fühle mich direkt wie im Sommerurlaub in Italien.“

Der hat gesessen. Und zwar so ordentlich, dass sich meine Gedanken zwischen den Hals-über-Kopf-Asanas und dem Shavansana, der finalen Schlussentspannung in tote-Frau-Position, nur um eines drehen: Hat sie das gerade wirklich gesagt? Und haben das gerade alle anderen schmunzelnd als Witz, ja vielleicht sogar als originelles Kompliment abgetan? Mein Sprach-Messinstrument schlägt aus, ich lese ab: Klarer Fall von getarntem Rassismus.

Was ich vielleicht erklären muss: Diese Unterhaltung lief auf Französisch ab. Seit vier Jahren pendle ich zwischen Deutschland und Frankreich. Mein Französisch kann sich also durchaus sehen lassen – wenn man den Menschen, die sich in der Position sehen, das beurteilen zu können, glauben mag. Ein kleiner Akzent scheint wohl ab und zu immer noch durch. Und obwohl ich mir zu Beginn meines Lebens in Frankreich tunlichst alle Arten von Form- und Umgangssprache, Slang, Dialektwörtern, ja sogar Verlan reingezogen habe, um keinen deutschen Akzent zu haben und – zumindest sprachlich betrachtet – unabhängig zu sein, verkraftet das mein Ego ganz gut. Witzigerweise, und ich selber finde das tatsächlich erstaunlich, habe ich auf Französisch keinen deutschen Akzent, bzw. hatte ihn nie. Den Akzent, den die Menschen um mich herum meinen rauszuhören, ist ein italienischer. Am Anfang dachte ich immer nur „gut geraten“, aber nach so vielen Jahren, in denen die Menschen denken, ich komme – meinem Akzent nach zu urteilen – entweder aus Italien oder aus Südamerika, muss wohl etwas dran sein. Warum das witzig ist? Ich bin mit zwei Sprachen aufgewachsen, Deutsch und Italienisch. Wobei ich selber sagen würde, dass – wenn es um sprachliches Niveau geht – Deutsch meine erste und Italienisch meine Zweitsprache ist (ich benutze hier ganz bewusst nicht das Wort „Muttersprache“). Bei der Identitätsfrage wird es schon schwieriger, aber darum soll es in diesem Text nicht gehen. Ich hatte aber das „Glück“ auf Deutsch nie einen Akzent zu haben und fehlerfrei zu sprechen, sodass man mir sprachlich gesehen, nichts anhaben konnte. Unterhaltungen wie „Person: Wo kommst du her? Ich: Aus München. Person: Nein, ich meine wo kommst du WIRKLICH her?“ (meist mit ruder-ähnlichen Armbewegung, als ob ich von wirklich weit her käme) beruhten immer auf meinem Erscheinungsbild: Dunkle, lange und dicke Haare, dunklerer Tein als die meisten in meinem Umfeld, besonders im Sommer und natürlich mein für deutsche Verhältnisse zungenbrecherischer Name ‚Giorgia‘. Wenn es also darum ging zu erklären, wie ich hier – also in Deutschland – gelandet bin und woher ich denn „so gut Deutsch könne“, erklärte ich zwar jahrelang bereitwillig wie es dazu kam und musste, um die Neugierde meiner Gegenüber zu befriedigen, bei der Gastarbeiter*innenwelle nach dem Zweiten Weltkrieg ansetzen, aber die Sprache war immer auf „meiner Seite“. Hörte man mich, ohne mich zu sehen, wäre ich als 1A Deutsche durchgegangen. Diskriminierung aufgrund meines Aussehens kenne ich sehr gut, aber aufgrund meines Akzents ist Neuland für mich. Seit heute ist das anders. Um’s nett zu formulieren: Fühlt sich mies an.

Kurz erklärt, warum das Verhalten meiner Yoga Lehrerin sehr unreflektiert ist:

1) Sie reduziert mich in diesem Moment auf meinen Akzent und das, was sie damit verbindet: Anscheinend Sommerurlaub in Italien. Das heißt: Das, was für mich gesellschaftlich (wenn auch nicht in dieser speziellen Situation, aber allgemein) einen Nachteil darstellt, ist für sie etwas angenehmes oder lustiges. Und ja, man hat Nachteile, wenn man mit Akzent spricht bzw. als „Nicht-Muttersprachler*in“ (auch wenn ich das Wort nicht mag) identifiziert wird.

2) Sie, als Veranstalterin, richtet die Aufmerksamkeit aller Teilnehmer*innen auf meinen Akzent, statt auf meine Person, wobei wir wieder bei Punkt 1 wären. Außerdem frage ich mich: Hätte sie sich ohne die summer vibes, die von meinen Begrüßungsworten ausgingen, überhaupt so sehr über meine Anwesenheit gefreut?

3) Es sieht so aus, als wenn sie mit meinem Akzent und somit mit Italien positive Gefühle assoziiert, was ihr wiederum das Gefühl gibt, dass es OK wäre, so etwas zu sagen. Ist ja nett gemeint, denkt sie sich wahrscheinlich. Das sehe ich aber anders. Denn erstens, wer sagt denn, dass ich damit positive Gefühle assoziiere? Und zweitens, wie sähe es bei Akzenten aus, die auf Länder oder Sprachen verweisen, die sie mit etwas Negativem verbindet? Würde sie etwas sagen wie „Oh, wie schön, dass du da bist. Bei deinem norwegischen Akzent muss ich an den Fjord-Lachs denken, von dem ich letztens Durchfall bekommen habe“ ? Oder, „…bei deinem afghanischen Akzent, muss ich immer an Krieg denken.“ Wohl eher nicht, aber bei einem solchen Mindset ist es sehr wahrscheinlich, dass sie es trotzdem denken würde.

Und da liegt das Problem: Wenn du Menschen aufgrund (d)einer visuellen oder auditiven Wahrnehmung einem Land, einer Kultur oder einer Ethnie zuordnest und sie on top auch noch in Bezug zu deinen persönlichen Erfahrungen stellst, seien sie positiv oder negativ, reduzierst sie allein auf ihre (vermeintliche) Herkunft. Und per Definition ist es rassistisch, Menschen aufgrund ihres Äußeres, ihres Namens, ihrer Kultur, Herkunft oder Religion abzuwerten. Und nur weil ich in diesem Fall „Glück“ gehabt habe, weil die betreffende Person mein Herkunftsland mag, finde ich dieses Verhalten nicht weniger unreflektiert, verletzend oder diskriminierend. Sorry, aber ich bin nicht dein Italienurlaubsgefühl und stehe nicht zur Verfügung, um irgendwelche Klischees in deinem Kopf zu bedienen.

Ob ich ihr das gesagt habe? Nein, ich wollte das Prana der anlaufenden Yogastunde nicht sofort durch eine Belehrung verscheuchen. Ich war auch viel zu perplex, um irgendetwas sagen zu können. Und obwohl es nicht mein Job ist, Menschen ohne Migrationshintergrund, die in „ihrem“ Land wohnen und sich nicht mit so etwas herumschlagen müssen, zu erklären, warum sie sich diskriminierend verhalten, werde ich es wohl trotzdem tun. Sobald ich aufhören kann, mich darüber zu ärgern und meine sieben Chakras wieder da sind, wo sie hingehören.

Veröffentlicht von Gio

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