Umgekehrter Rassismus und warum ich dachte, dass das existiert

Diesen Begriff gibt es nicht erst seit heute, aber besonders seit diesem Jahr und durch die black lives matter Bewegung , hört man ihn immer wieder: Reverse Racism / Umgekehrter Rassismus. Es gibt andere, die wirklich sehr gut erklären können, warum es das, was dieser Begriff eigentlich ausdrücken will, per Definition nicht gibt. Daher verweise ich an dieser Stelle an RosaMag, die das kurz und knackig erklären. Ganz kurz zusammengefasst, kann es „umgekehrten Rassismus“ aus einem ganz simplen Grund nicht geben:

Rassismus findet nicht auf individueller sondern auf struktureller Ebene statt. Das bedeutet, dass Black, Indigenous und People of Colour (im Folgenden als BIPoC abgekürzt) strukturell benachteiligt sind, z.B. auf dem Wohnungsmarkt, bei der Jobsuche, in der Mediengestaltung usw.

Es ist also ganz einfach nicht der Fall, dass Weiße strukturell und institutionell aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt werden und Lebensqualität einbüßen. Dass man als Weiße*r mal ausgegrenzt oder diskriminiert werden kann, kann natürlich passieren, aber das ist dann kein Rassismus, sondern Ausgrenzung, Diskriminierung oder einfach mal blöd gelaufen und nicht vergleichbar mit Rassismus. Das ganze lässt sich am besten anhand meiner eigenen Geschichte nachvollziehen.

Wie viele habe ich während meines Studiums einen Erasmus-Austausch gemacht. Zuerst wollte ich – ebenfalls wie viele – nach Paris, um mein Französisch auf Vordermann zu bringen. Die Chancen dafür genommen zu werden, standen durch die große Nachfrage nicht besonders gut, also habe ich eine radikale Planänderung vorgenommen: Warum nach Paris gehen, wenn ich auch auf einer karibischen Insel studieren kann? Bis heute gucken mich viele stutzig an und wissen nicht so ganz wie sie reagieren sollen, wenn ich sage „Ja, ich habe in der Karibik studiert“. Wenn bzw. falls die Leute über den ersten Schock hinweg kommen, kann ich nämlich die eigentliche, interessante Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die nicht von Sunshine und Reggae erzählt. Genauer gesagt war ich nämlich auf Martinique, einer Insel, die zur Gruppe der Kleinen Antillen und somit zum französischen Territoire gehört. Deswegen auch Erasmus, auf dem Papier ist Martinique nämlich Frankreich. Aber auch nur dort. Natürlich habe ich mich schlau gelesen und vor der Abreise recherchiert, aber ich hätte mich nicht auf das, was auf mich wartete, vorbereiten können.

Ein kurzer Fakten Check zu Martinique. Wir haben es hier mit einer kleinen karibischen Insel zwischen dem Atlantik und dem karibischen Meer zu tun. Die Bevölkerung ist gemischt zwischen BIPoC und Weißen, ums flapsig zu sagen, es gibt ziemlich jedes Colour Shading, das man sich vorstellen kann. Was die Nationalitäten angeht, sind natürlich alle Martinikaner*innen auf dem Papier Französinnen und Franzosen, aber sie sind auch Kreolen*. Die Geschichte der Antillen ist die, die viele kolonialisierte Nationen teilen. Das zuerst bei der „Entdeckung“ angetroffene Volk der Kariben wurde ausgelöscht und es entstand eine gemischte Population aus afrikanischen Sklav*innen, ganz wenigen Indigenen* und Festlandfranzosen*. Ursprünglich waren die Kreolen* die auf Martinique geborenen weißen Französinnen und Franzosen. Heute wird das Wort aber in verschiedenen Kontexten und meistens für alle Menschen mit einem gemischten ethnischen Hintergrund verwendet. Französisch ist die offizielle Amtssprache, aber die meisten dort lebenden Menschen sind zweisprachig mit Kreol. Eine eigene Sprache, die aus mehreren Kontaktsprachen wie Französisch und vielen afrikanischen Sprachen entstand.

Auf diese knappe 400.000 Einwohner starke Insel, die so groß ist wie München, kam ich also mit frischen 20 Jahren. Meine erste, monatelange Auslandserfahrung. Ich war natürlich verwirrt, aufgeregt, am Anfang ziemlich verloren und begeistert von der Schönheit und Andersartigkeit dieser Kultur. Die ersten 2 Wochen liefen so ab, wie sich alle den gesamten Aufenthalt vorstellen. Weißer Sandstrand, glasklares, türkisfarbenes und 28 Grad warmes Meer. Kokoswasserschlürfend und in der tropischen Hitze schmorend habe ich in mein Semester reingestartet. Nach der Akklimatisierungsphase von 2 Wochen, änderte sich aber der Sachverhalt grundlegend und somit sind wir wieder beim Thema.

In einer Gesellschaft, in der die meisten Schwarze* oder BIPoC sind, fällst du als Weiße*r (auch als dunkler, mediterraner Typ, wie ich es bin) auf. Und meistens nicht positiv. Dabei geht es nicht um dich, bzw. wie ich nach monatelangem Kopfzerbrechen endlich verstanden habe: Dabei ging es nicht um mich persönlich. Es ging dabei darum, für was meine Hautfarbe steht. Sie steht für soziale Ungleichheit, für Ausbeutung, für Kolonialismus und Probleme, die bis heute bestehen. Sie steht für Geld, Privilegien und ein einfaches Leben. Sie steht für junge Leute, die die Möglichkeiten haben mal für ein halbes Jahr in der Karibik zu studieren und dafür auch noch staatliche Fördermittel einkassieren, während die Menschen, die sich das ansehen, auf dem Papier Europäer*innen sind, aber kein Geld haben nach Europa zu fliegen. Und dort auch keinen oder nur sehr schwer einen Job kriegen würden, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden, weil sie aufgrund ihrer sprachlichen Färbung diskriminiert werden und weil ihr Bildungsgrad nicht ernst genommen wird. Eine Uni oder eine Ausbildung auf einer schwach entwickelten Karibikinsel kann in den Augen Europas nicht mit den EU-Standards mithalten. Dass Frankreich, also ein zentraleuropäisches Land und eines der wichtigsten Mitglieder der EU für die Entwicklung seiner Überseegebiete verantwortlich ist, ist Nebensache.

So, für all das steht meine Hautfarbe.

Böse Blicke von Frauen*, ununterbrochene Anmachversuche von Männern*. Das war tägliches Programm. Für die Männer* war ich ein Statussymbol und für die Frauen* war ich eine Gefahr. Von der Uni-Verwaltung war die Haltung uns weißer Erasmus-Studierenden gegenüber ganz klar: Ihr seid nicht willkommen. Oft genug kam es vor, dass man als weißer Mensch mehr zahlte als der Rest der Gesellschaft, dumm angemacht oder wegen holpriger Kommunikationsversuche auf Französisch erst belächelt und anschließend auf Kreol beleidigt wurde. In der Situation habe ich auch gelernt, dass man die Sprache nicht verstehen muss, um zu erkennen, dass schlecht über einen geredet wird, Stichwort bad vibes. Wie oft kam es vor, dass ich von Einheimischen lernen wollte wie man Kreol spricht oder wie man Dancehall tanzt oder, oder, oder…und einfach nichts zurückkam. Ich, die selber einen multikulturellen Hintergrund und den weiten Weg nicht nur for fun angetreten hat, sondern um etwas über die Kultur und die Sprache zu lernen, habe die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe es Monate vielleicht sogar erst Jahre nach dieser Erfahrung verstanden. Als ich nach Deutschland zurückkam, habe ich gedacht, „Wow, ich habe Rassismus erlebt“. Habe ich natürlich nicht, aber ich habe damals keine anderen Worte für diese Erfahrung gefunden. Und da liegt das Problem. Es gibt im Wortschatz weißer Menschen kein Wort für diese Erfahrung, wenn man einmal nicht die Norm ist, sodass viele meinen nur weil sie einmal ausgegrenzt werden oder als Weiße nicht willkommen sind, dass das Rassismus sei. Was mir nämlich passiert ist, ist kein Rassismus, sondern ich wurde einfach nicht von der Gesellschaft, in die ich reingeplatzt bin, mit offenen Armen begrüßt. Verständlicherweise, muss ich heute sogar sagen. Was ich heute über Kolonialismus, Postkolonialismus, Rassismus, Kreolismus und die Handhabe von Überseegebieten weiß, wusste ich damals nicht. Und abgesehen davon: Auch wenn die Leute im Alltag nichts von mir wissen wollten, die besten Jobs hätte ich dennoch bekommen und wahrscheinlich auch für mehr Gehalt. Denn für die hohen Posten werden Französinnen und Franzosen vom Festland geschickt bzw. lieber Weiße eingestellt. Was man also mit meinem Auftreten assoziieren kann, war mir nicht klar. Martinique ist auch noch ein besonderer Fall, da es eben zu Frankreich gehört und somit keine unabhängige Nation wie z.B. die Karibikinseln St. Lucia oder Dominica ist.

Jetzt stellt euch vor das passiert euch jeden Tag, auf jeder Ebene, im gesellschaftlichen oder professionellen Leben. Dass es Strukturen gibt, die euch kategorisch aufgrund eurer Hautfarbe ausschließen. Dass ihr in den Medien, in den bestbezahlten Jobs und in den geilsten Wohnungen in bester Lage immer nur Menschen seht, die eine andere Hautfarbe haben als ihr. Dass ihr an Veranstaltungen nicht teilhaben dürft, weil ihr nicht die passende Hautfarbe habt, dass ihr nicht den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung habt, das ist Rassismus; dass in den USA die meisten Covid-19-Todesopfer schwarz sind, weil sie ärmer sind und deswegen oft schon eine beeinträchtigte Gesundheit haben und nicht den gleichen Zugang zur notwendigen Behandlung haben wie weiße Menschen, das ist Rassismus.

Was ich erlebt habe, ist also kein Rassismus. Was ich erlebt habe ist, wie es sich anfühlt als Weiße in einer mehrheitlich schwarzen Gesellschaft zu leben, die von anderen Weißen auf einem anderen Kontinent, die sich nicht darum gekümmert haben deren Geschichte ordentlich aufzuarbeiten, regiert wird. Ich, die zum Studieren in die Karibik fuhr und dafür von der EU auch noch ein Stipendium bekommen habe, bin immer noch privilegiert as fuck und definitiv kein Opfer von Rassismus.

Ich bin 2 Jahre nach meinem Erasmus wieder nach Martinique gefahren. Und da war es anders. Ich habe aus meiner ersten Erfahrung gelernt, mich anders verhalten, mehrmals mein Verhalten reflektiert und siehe da, lief alles super. Ich sage immer ich hatte diesen offensichtlichen „Privilegierter, weißer Mensch und Erasmusstudentin“-Stempel nicht mehr auf der Stirn kleben. Und genau deswegen gibt es keinen Rassismus gegen Weiße. Wie viele Schwarze und BIPoC reflektieren ihr Verhalten und leben jahrelang oder ihr ganzes Leben lang in einer Gesellschaft weißer Menschen und werden niemals akzeptiert? Und haben niemals die gleichen Chancen? Versus wie viele weiße Menschen leben in einer mehrheitlich schwarzen Gesellschaft und haben schlechtere Chancen als Schwarze/BIPoC? Ich würde schätzen eine undefinierbare Zahl gegen 0 .

Also bitte, denkt zweimal nach bevor ihr irgendetwas vom umgekehrten Rassismus erzählt.

Anmerkungen:

  1. Die * dienen für einen Diversität wertschätzenden und inklusiven Sprachstil, auch wenn der Lesefluss darunter leidet.
  2. Ich bin nicht schwarz, werde von manchen als Person of Colour gesehen, von manchen nicht. Alles was ich dazu sagen kann, ist folgendes: Ich bin ich und ich habe bereits oft genug in Deutschland aufgrund meines „dunkles Erscheinungsbildes“ ätzende Erfahrungen gemacht. Bei Fahrscheinkontrollen wie auch bei Behördengängen. Von „Warum haben Sie keinen deutschen Pass“ bis „Sie sind zu dunkel auf dem Bild, das kann der PC nicht lesen“ als ich dann den deutschen Pass beantragt habe, habe ich schon alles erlebt. Daher gilt allen Opfern von Rassismus mein größter Respekt und wenn ich etwas falsch oder verletzend in diesem Text ausgedrückt habe, dann bitte einfach bei mir melden.
  3. Insgesamt habe ich eine super Zeit auf Martinique gehabt, die ich nicht in meinem Leben missen möchte. Die hier erzählten negativen Erfahrungen dienen der Veranschaulichung des Problems. Weiterhin habe ich auch Leute getroffen, die mich zuvorkommend und freundlich in ihrer Kultur aufgenommen haben, sodass ich keinesfalls die Gesellschaft Martiniques in ihrer Gänze als fremdenfeindlich hinstelle. Meiner Erfahrung nach waren das aber bei meinem ersten Besuch die wenigsten.

Veröffentlicht von Gio

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