Lockdown Nr.2 – Warum Franzosen nicht rebellieren

Sie wurde groß und lange angekündigt, die zweite Welle. Und nun ist sie da. Wirft man einen Blick in unsere Nachbarländer, dann ist von guter Stimmung weit und breit nichts zu sehen bzw. zu spüren. In Deutschland gab es bereits vor einigen Monaten beeindruckende Proteste gegen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona Virus Covid-19. Einige Deutsche fühlen sich in ihren Grundrechten eingeschränkt. Andere Länder haben sich nun spätestens seit der zweiten Welle und den damit einhergehenden (Teil-)Lockdowns angeschlossen. In Neapel fliegen Flaschen und Feuerwerkskörper durch die Luft, in Barcelona müssen sich Polizisten gegen Steine und andere Fluggeschosse wehren. Allerdings sind bei diesen Protesten andere Ängste als die der eingeschränkten Grundrechte die treibende Kraft.

Um ein Land ist es aber besonders ruhig geworden, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei diesem Land um die Nation handelt, die zum zweiten Mal einen strikten Voll-Lockdown durchmachen muss: Frankreich. Normalerweise lassen sich die Franzosen nichts einfach so vorschreiben. In Frankreich wird eine in Europa beispiellose Protestkultur gepflegt. Allein im Jahr 2019 wurde das öffentliche Leben enorm durch die Gelbwesten (gilets jaunes) und durch die wochenlangen Streiks der Metro (U-Bahn) beeinträchtigt. Selbst über die Feiertage zu Weihnachten und Neujahr gab es kein Erbarmen, viele mussten nervenzerreißende Reisen, die doppelt so lange als gewöhnlich dauerten, auf sich nehmen um den Jahreswechsel mit den Liebsten zu verbringen. Die Szenen der Gelbwesten-Protestmärsche durch das in Flammen gesetzte Paris haben sich eingebrannt.

Aber seit letztem Freitag, 30. Oktober, gilt in Frankreich ein erneuter Lockdown. Wir erinnern uns: Dieses Frühjahr war nach Italien Frankreich das Land in Zentraleuropa mit den härtesten Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus. Es ist also seit letztem Freitag bis vorerst 2. Dezember nicht mehr möglich das Haus zu verlassen, außer um Einkäufe zu erledigen, arbeiten zu gehen wenn Smartworking nicht möglich ist, Bedürftige zu pflegen oder frische Luft zu schnappen innerhalb eines Kilometers des Domizils für eine Stunde pro Tag. Wie zuvor auch, gibt es nun wieder die sogenannte Attestation, also ein Dokument, das man in Kombination mit seinem Personalausweis stets bei sich zu tragen hat sobald man das Haus verlässt. Denn dieses Papier ist die Rechtfertigung zum Verlassen des Domizils. Dies wird von Beamten kontrolliert und bei Verstoß werden beim ersten Mal ca. 130 EUR, beim zweiten Mal zwischen 200 – 450 EUR fällig und beim dritten Mal droht sogar eine Gefängnisstrafe. Während der nächtlichen Ausgangssperre ab 21.00 Uhr bis 06.00 Uhr, die kurz vor dem zweiten Lockdown eingeführt wurde, galt sogar ein Bußgeld von 1.500 EUR bei zweifacher Überschreitung der Uhrzeiten. Lange Rede, kurzer Sinn: Was die Einschränkung der Freiheit angeht, geht es wesentlich heftiger zu als in Deutschland, Spanien oder Italien. Warum also lassen sich die Franzosen das gefallen?

Es gab während des gesamten Jahres keinen einzigen ernstzunehmenden Versuch des französischen Volkes gegen die Maßnahmen zu protestieren. Es gab aber sehr wohl, branchenbedingt, kleinere Aufstände. Vor allem Gastronomen klagten gegen die zugegebenermaßen sehr inkonsequente Anordnung der Regierung immer mal wieder hie und da Restaurants und/oder Bars für 7 – 14 Tage zu schließen. Eine allgemeine Welle der Empörung gegen den Lockdown blieb aber aus. Ich habe einige Franzosen zu diesem Thema befragt: Warum lasst ihr euch das gefallen? Wieso geht niemand auf die Straßen wie in anderen Ländern Europas? Die Antworten drehten sich stets um die folgenden zwei Argumente:

  • Die Regierung hat uns eingebläut, dass wir anderen Menschen gefährden, vor allem die Alten und die Schwachen.
  • Hier geht es nicht um Ungerechtigkeit oder soziale Ungleichheit, hier geht es um unsere Gesundheit. In diesem Fall sind wir solidarisch.

Ich persönlich halte das aber nur für die zweit-und drittrangigen Motivationen, die dafür sorgen, dass die Franzosen die Füße still halten. Ich vermute, dass hierbei viel mehr die finanzielle Handhabe der Krise eine wichtige Rolle spielt. Denn im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, geht es den Franzosen im Lockdown ganz gut, Stichwort Kurzarbeit. 85% des Gehalts wird vom Staat ausgezahlt wenn der Arbeitsgeber 100% Kurzarbeit anmeldet (In Deutschland sind es ca. 65%). Weiterhin haben die meisten Arbeitsgeber die Ansage der Regierung erhalten, die Gehälter während der zweiten Welle um die letzten 15% zu komplettieren. Einige haben dies sogar schon im Frühjahr getan. Also 100% Gehalt für 100% Arbeitslosigkeit. Die Arbeitsgeber müssen vorstrecken und werden im Nachhinein vom Staat entschädigt. Für Angestellte läuft das Ende des Monats also ab wie immer. Davon können die Italiener und Spanier nur träumen. Die italienische Wirtschaft litt schon genug vor der sanitären Krise, allerdings hat der Lockdown zu Beginn des Jahres viele an die existenzielle Krise getrieben. Denn obwohl auch der italienische Staat Kurzarbeitergeld versprochen hat, haben viele Italiener bis in den Sommer und zum Teil bis heute nichts davon gesehen. Sie stehen also alleine da. Und das deckt sich auch mit den Aussagen derjenigen, die ich dazu befragt habe. „Man könne sich einen zweiten Lockdown nicht leisten“, heißt es. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut ist dieses Mal weit größer als die vor dem Virus. Sie geht sogar so weit, dass die protestscheuen Italiener in vielen Metropolen demonstrieren.

Natürlich sieht es auch in Frankreich nicht für alle rosig aus. Gastronomen und Club-Betreiber leben seit Monaten am Limit und wissen nicht ob oder bis wann sie sich halten können. Dennoch muss man sagen: Die Entschädigung des Staates für Selbstständige im Einzelhandel, Tourismus und in der Gastronomie, so mickrig sie laut Aussagen der Befragten auch sein mag, funktioniert: Mit maximaler Verzögerung eines Monats ist das Geld auf dem Konto.

Der erste Lockdown im Frühjahr 2020 wurde mehrmals verlängert. Zu Beginn wurden zwei Wochen angekündigt, letztlich wurden daraus 3 Monate. Es bleibt abzuwarten wie sich die zweite, vorerst 5-wöchige Nationalklausur in Frankreich und somit die Empörungstradition der Franzosen entwickelt.

Hinzuzufügen ist, dass Frankreich momentan massiv durch terroristische Attacken bedroht wird. Seit den Angriff auf einen Lehrer in Paris vor einigen Tagen, häufen sich die Meldungen: In Nizza wurden drei Menschen in einer Kirche durch Messerstiche getötet, in Lyon wurde ein orthodoxer Priester ermordet. Zusätzlich zu der Pandemie wird Frankreich also auch noch in den Grundfesten seiner Institutionen, nämlich Schulwesen und Kirche, bedroht.

Veröffentlicht von Gio

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